Julia Berchtold

1. Wie hast Du den Wettbewerb selbst erlebt?

„Als ich von dem Thema erfuhr ging in mir direkt eine große Verwirrtheit los. Von Gedanken wie „man ist das platt“ bis hin zu „Hilfe – das ist doch viel zu tiefgründig“ war alles dabei. Aufgrund von akuter Überforderung, lag ich die Arbeit daran sehr schnell wieder zur Seite – zumindest die bewusste – und wurde eines Nachts von einem Einfall überrascht. Ich schrieb all die wirren Gedanken dazu auf und plötzlich kamen mir Bilder in den Kopf, wie ich genau diese im Gesamten ganz irrsinnlichen Einfälle in ein Video packen könnte.

Tatsächlich ging die Konzeptarbeit ab da erstaunlich fließend und locker und nach einigen Nächten, in denen ich immer wieder aufwachte, um plötzliche Gedanken auf Papier – öfter Smartphonenotizen – festzuhalten, stand die Idee. Ich habe das Glück, ganz großartige tolle Menschen in meinem vertrauten Umfeld zu haben, an denen ich die Verständlichkeit meines Konzepts testen konnte und die ich um Hilfe bitten konnte für Kamera und Statisterie. Danke Euch an der Stelle! Ihr wisst, wenn Ihr gemeint seid meine Herzen! Ihr seid großartig.

Die Dreharbeiten haben wiederum einige Wochen immer wieder drehen und viel Planung und Schreibarbeit in Anspruch genommen. So manchen organisatorischen Rückschlag musste ich lernen hinzunehmen und ich fand glücklicherweise heraus wie viel schöner etwas werden kann, wenn man gezwungen ist, zu improvisieren. Die Devise ist da dann oft „annehmen, annehmen, annehmen“ und zuversichtlich zu bleiben. Aber auch die große Erkenntnis, dass es eben doch gut ist, früh anzufangen und sich Zeit zu nehmen. Ebenso beim Schneiden. Ich wusste, dass ich das alleine machen muss, um erst mal meine oft sehr abstrakten und perfektionistischen Vorstellungen erreichen zu wollen. Bin viel verzweifelt und oft ausfallend gegenüber dem PC und dem Schnittprogramm geworden. Doch am Ende habe ich dann gesehen, wo es geklappt hat und eingesehen, wo meine Grenzen sind und war trotzdem zufrieden mit dem Endergebnis. Offensichtlich zu Recht, denn ich kam in die zweite Runde.

„Jetzt bloß kein Hinterfragen und direkt wieder in den kreativen Prozess einsteigen!“ Bei der Vorbereitung der Bühnenperformance dachte ich natürlich, dass es ebenso „locker flockig“ und natürlich bestimmt von der Hand gehen würde und wurde kurzerhand eines besseren belehrt. Nach zwei Wochen fand ich meine „einfach so mal eben schnell“ aus dem Handgelenk geschüttelte Idee kolossal schlecht, egozentrisch, selbstdarstellerisch und fürchterlich platt. Ich fiel in eine mittlere Schaffenskrise und wollte schon das Handtuch werfen als die Inspiration von wortwörtlich vor meiner Nase – genauer gesagt vor meiner Haustür – kam. In dem Moment habe ich begriffen, dass ich nicht alles aus meinem Innersten herausholen muss und mein Innerstes nach außen kehren muss, wenn es eine Sache in meiner Außenwelt gibt die mich so fesselt und beschäftigt, dass in mir die Sehnsucht aufkommt, eben diese Sache künstlerisch in meiner Bühnenperformance zu behandeln. Auch zwei meiner Lieblingsmenschen waren mir da eine Hilfe zur Reflektion und eine große Unterstützung, mir den Mut zu geben, eine für mich sehr neue, sehr klare und direkte Gestaltung zu etablieren und zu behalten. Diese Arbeit forderte von mir viel Recherche im Außen, was ein spannender Gegensatz zu der Recherche im Inneren beim Video war und mir viel Freude und Erfüllung aber auch einiges zu verdauen gab. Das Verdaute formte sich zu eben jener 5-Minuten Bühnenperformance die jetzt „nur“ noch vor einer sechsköpfigen Jury plus ein sehr begrenztes Publikum – Corona bedingt – präsentiert werden musste.

„Aufregung? Sorge? Selbstzweifel? Neeeiiiin ich doch nicht….“ Mit jedem Tag näher am Finale ging mir die Pumpe mehr. Ich schwankte zwischen „das is ne hammer Sache, die du da gemacht hast“ und „WHY? Just WHY glaubst du würde das irgendwen interessieren geschweige denn irgendjemand gut finden“. Überraschenderweise half es mir da enorm mich meinen Mitstreiterinnen zu öffnen. Wir zeigten uns unsere Ideenund sprachen darüber. Es wurde wieder konkret und klarer. Ein Gespräch mit einem Dozent nur wenige Tage vor dem Finale bleibt mir bis heute im Kopf. Er fragte mich ganz klassisch nach der Unterrichtsmethodik, ob ich wisse WAS ich tue und WARUM. Wenn das klar sei, so hätte ich schon die halbe Miete. Und der Rest ist abhängig vom Geschmack der Jury, den ich eh nicht beeinflussen kann. Und ja die Angst etwas falsch zu machen genauso wie die Aufregung ist nicht nur ok sondern helfe sogar in der Performance fokussiert und konzentriert zu bleiben. Weise Worte und großartiger weise so schön simpel! Und als dann der Moment kam und ich hinter dem Vorhang in Saal 1 stand, Jan Oberndorffs Ansprache in meinen Ohren klingend, ging mir – ehrlicherweise sehr unerwartet – das Herz auf. „Ich weiß ganz genau WAS ich hier tue und WARUM. Und es ist das erste Mal seit der ganzen Corona – Krise, dass ich wieder auf einer Bühne stehen und vor Publikum spielen darf. Und schlussendlich ist es ja das wofür ich überhaupt auf der Bühne bin und weshalb ich jetzt da raus gehe und spiele.“ Und diese Gedanken haben mich so erfüllt, dass der kognitive Teil meines Hirns sich wundervollerweise entspannt zurücklehnte, und die Künstlerin ihre Performance hat machen lassen.“

2. Inwieweit hilft bzw. hat Dir das Stipendium weitergeholfen, Deine Ausbildung zum Schauspieler*in zu verbessern wie es ohne das Stipendium nicht möglich gewesen wäre?

„Jetzt mal kurz von der enormen geldlichen Entlastung abgesehen, und davon, dass ich ohne diese vermutlich mittlerweile die Ausbildung hätte abbrechen müssen, hat das Stipendium und die Erfahrung mir sehr viel Selbstbewusstsein gegeben. In meiner Persönlichkeit und in meiner Kunst. – Darin, was ich erzählen und wie ich es ausdrücken möchte. – Worauf es mir ankommt. – Was mir wichtig ist. Was mich beschäftigt. – Wohin ich meine künstlerische und tatsächliche Energie stecken möchte. Ich habe erkannt in welche Richtung ich noch mehr gestalten will. Wie ich mich kreativ und konkret weiterentwickeln will. Und warum. Diese Erfahrung hat mir einen Antrieb gegeben all dieses Bewusstsein in meine Kunst und mein künstlerisches Ich zu legen und weiter zu lernen wie ich das immer mehr zu meiner eigenen persönlichen Note im Schauspiel ausbauen kann. Ich habe gelernt besser mit der Situation umzugehen, von einer Jury gesehen zu werden und was es heißt und wie es sich mittlerweile für mich anfühlt, mich zu zeigen. Wie ich bei mir bleibe und mit dem Druck „bewertet“ zu werden umgehen kann, ohne von dem Stress, in den ich dadurch gerate „übermenscht“ zu werden. Ich habe gelernt besser mit (Selbst-) zweifeln umzugehen und in mich und das was ich tue zu vertrauen. Aber auch offen zu bleiben für Richtungs- und Gedankenwechsel und für konstruktive Kritik und andere Meinungen.“

3. Was würdest Du zukünftigen Bewerbern*innen über das Stipendium erzählen und ihnen für ihre Bewerbung empfehlen?

„In Ermangelung der Fähigkeit, diese Gedanken in einen sinnhaften und lyrisch sinnvollen Fließtext zu packen, hier ein paar lose Gedanken, die ich Dir mit auf den Weg geben möchte: Es ist eine Chance Türen für Dich und in Dir zu öffnen. Neue Räume zu entdecken und kennen zu lernen. Hör Dir zu und vertraue auf Deine Ideen, Deine Kreativität und darauf, dass Du viel zu bieten hast. Finde etwas, das Dir mehr bedeutet als das Geld. Und dann finde das Bedürfnis bzw, die Sehnsucht in dir eben dieses künstlerisch auszudrücken. Sei gut zu Dir und habe Geduld. Die richtige Idee wird kommen. Und ja Du wirst es merken. Vertraue darauf und probiere aus. Habe Mut, Dich auszuprobieren und, wenn nötig, alles zu verwerfen und noch mal von vorne anzufangen, wenn die Idee sich nicht mehr richtig anfühlt. Bleib flexibel und hol Dir Hilfe und Feedback, wenn Du denkst es könnte Dich weiterbringen bzw. wenn Du nicht mehr weiter weißt. Gerate nicht in Panik, wenn Du dadurch verunsichert wirst. Hinterfrage wieso und ob es notwendig ist. Trau Dich etwas von Dir zu zeigen. Vor allem, wenn es etwas ist, was Dich beschäftigt. Und auch, wenn es etwas ist, das augenscheinlich nichts mit Deinem privaten persönlichen Ich zutun hat, sondern wenn es um mehr geht, dass Dir wichtig ist oder Dir etwas bedeutet. Erst mal sind alle Impulse richtig im Prozess. Hinterfrage dann das WARUM und WIE. Bleib offen für Neues und für Eingebungen. Treffe die Entscheidung konkret zu werden und zieh es durch. Nimm und lass Dir Zeit. Und vor allem: Sei liebevoll mit Dir und suche nach den Endorphinen, und der Aufregung. Und weil es so wahr und essentiell und nicht von mir, sondern von einem großen Künstler stammt: Keine Panik!“

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