Kai Hochhäusler

1. Wie hast Du den Wettbewerb selbst erlebt?

„Intensiv, groß und natürlich aufregend. Im Grunde genommen fing für mich der Wettbewerb schon an, als ich die Performances der vorherigen Gewinner*innen sah. Ab da wurde mir bewusst: Da will ich auch hin. Das hatte mich so motiviert. In den darauffolgenden Monaten klopfte dieser Wettbewerb immer wieder mal gedanklich an und ließ mich natürlich nie so ganz los. Als im Dezember dann das Thema „Zuhause und anderswo“ bekanntgegeben wurde, wusste ich, dass dieser Wettbewerb nicht nur intensiv, groß und aufregend, sondern auch persönlich wird. Ich denke, bei dem Begriff Zuhause bleibt das nicht aus. Und ich war sehr froh darum, denn dieses Thema gab mir die Möglichkeit, meine ganz persönliche Geschichte zu erzählen und einfach meine ganz eigenen Gedanken sowohl in den Film als auch auf der Bühne auszudrücken und fließen zu lassen.

Bei meinem Stipendiumsfilm sortierte ich zunächst meine Ideen und Gedanken und machte mich schon ein Monat nach der Bekanntgabe des Themas auf nach Hause und drehte los. Diese zweieinhalb Minuten des Films erzählten meine persönliche Geschichte auf dem Weg von Zuhause zum werdenden Schauspieler und welche Hindernisse ich überwinden musste. Eigentlich wusste ich schon innerlich, dass es darum gehen wird, als das Thema auf den Tisch kam. Ich musste einfach meine vielen Gedanken- und Ideenschnipsel einfangen und formbar machen. Alles andere wie Motivation, Lust und Inspiration war längst da. Als ich dann Anfang März die Mail über die Bekanntgabe der Finalisten bekam und ich meinen Namen las, war ich so erleichtert und euphorisch und ich wusste, jetzt wird es noch persönlicher, denn ich zeige mich demnächst allein auf der Bühne live vor Zuschauern.

Auch hier sprudelten meine Ideen und Gedanken sofort und ich musste sie wieder einfangen, sortieren, aussortieren, liegen lassen, wieder aufgreifen, von anderen Blickwinkeln betrachten. Das war ein total interessanter und neuer Arbeitsprozess für mich. Und diesmal wollte ich meine humorvolle Seite auf der Bühne zeigen. Ich ließ die Gedankenfetzen lange liegen und ich stresste mich nicht, setzte mich nicht unter Druck. Wenn neue Ideen kam, gut! Wenn nicht, dann auch nicht schlimm. Das richtige Proben meiner Performance begann ich erst zwei Wochen vor dem Finale.

Beim Durchlauf am Abend vor dem Finale, als wir Finalist*innen den Ablauf, die Reihenfolge und alles weitere besprachen, wurde mir eine Sache ganz plötzlich bewusst: Es geht nicht nur um den Wettbewerb, um die Auszeichnung und das Geld, sondern auch darum, ob ich mich zu 100% mit dem identifizieren kann, was ich dort zeigen werde. Ich sah die vielen unterschiedlichen Konzepte und Ideen meiner Kolleg*innen und wusste, alle haben es redlich verdient, im Finale zu stehen. Als mir das klar wurde, umgab mich ein sehr wohliges Gefühl, dass ich, egal wie für mich dieser Wettbewerb morgen ausgehen wird, sehr zufrieden sein kann mit dem was ich bereits erreicht habe.

Am Tag des Finales war ich noch sehr ruhig, aber das änderte sich schlagartig, als fünf Minuten vor meinem Auftritt die größte Nervosität aufkam, die ich je hatte. Denn mit meiner Performance zeigte ich nicht nur meine ganz persönlichen Gedanken, nein, ich hatte sogar in den Wochen davor die glorreiche Idee, ein paar meiner Dozenten und die Schulleitung zu imitieren. Wohlgemerkt die, die auch zuschauen werden. Ohne zu wissen, wie sie es auffassen werden. Wie eine Lawine wurde mir dies wenige Minuten vor meinem Auftritt erst so richtig klar. Gefühlt hatte ich eine Bowlingkugel im Bauch und dachte mir: „Du Idiot, weißt du eigentlich, was du da gleich tust?! Wenn dein Konzept nicht sofort zündet, gehst du sang- und klanglos unter!“ Und schon wurde es dunkel und ich war dran. Keine Zeit mehr zum Nachdenken und zum Zweifeln.

Ich lief auf die Bühne und plötzlich waren die Zweifel weg. Die Scheinwerfer leuchteten auf und ich fing einfach an. Als ich die ersten Pointen brachte und plötzlich hörte, wie die Zuschauer reagieren und anfangen zu lachen, wusste ich: Es klappt! Die darauffolgenden fünf Minuten waren ein einziger Rausch. So etwas hatte ich noch nie zuvor erlebt. Diese Gewissheit, dass nichts mehr schiefgehen wird. Black, ich lief raus, war voller Adrenalin, aber vor allem voller Zufriedenheit: Besser hätte ich es nicht
machen können.

Und ganz egal, wie die Jury entscheiden wird. Ich habe mein persönliches Ziel erreicht, das zu zeigen, was ich zeigen wollte. Der Rest liegt nicht mehr in meiner Hand. Und das gab mir ein sehr beruhigendes Gefühl. Dann kam die Jury zurück und plötzlich wurde es wieder spannend. Es fielen die Namen Kim, Ella und Julia. Und meine Freude für die drei war riesig. Dabei vergaß ich kurz, dass noch ein vierter Name aussteht. Als dann als letztes mein Name genannt wurde, war ich einfach nur noch überw.ltigt. Das setzte diesem Tag einfach nur noch die Krone auf.

Während ich diese Zeilen jetzt geschrieben habe, ist es so ein schönes Gefühl, an diese ganze Zeit zurückzudenken, die so viel mit Herzblut zu tun hatte. Es ist ein wirklich besonderes Erlebnis, an diesem Wettbewerb teilzunehmen und ich rate es jeder Schülerin und jedem Schüler, dies auch zu tun. Sonst verpasst ihr was. Es ist eine riesen Chance.“

2. Inwieweit hilft bzw. hat Dir das Stipendium weitergeholfen, Deine Ausbildung zum Schauspieler*in zu verbessern wie es ohne das Stipendium nicht möglich gewesen wäre?

„Finanziell gesehen kann ich schon jetzt meinem Wunsch nachgehen, nämlich die Suche nach einer eigenen kleinen Wohnung in Hamburg. Eine viel größere Auswirkung hatte dieses Stipendium aber für mein Selbstbewusstsein. Denn dieser Wettbewerb hat mir gezeigt, dass ich meinem Instinkt vertrauen kann und ich mich in Situationen, wo Kreativität, Mut und Inspiration gefordert sind, auf mich selbst verlassen kann. Denn natürlich hatte dieser Wettbewerb etwas mit eigenem Anspruch, Druck und Belastung zu tun. Und dies mit einem Stipendium gemeistert zu haben, hat mir einen riesigen Schub Selbstvertrauen gegeben und meine Arbeit als Schauspieler verändert. Es geht nicht nur um die Auszeichnung und die finanzielle Unterstützung, sondern auch darum, mit einem gegebenen Thema seiner ganz eigenen Kreativität freien Lauf zu lassen und über sich hinauszuwachsen. Dieser Wettbewerb bietet ideale Bedingungen dafür.“

3. Was würdest Du zukünftigen Bewerbern*innen über das Stipendium erzählen und ihnen für ihre Bewerbung empfehlen?

„Arbeite bewusst und ohne Druck und schaue auch immer objektiv auf Deine Ideen und sei dabei nicht streng zu Dir. Finde die Waage zwischen dem Bewusstsein, dass es der Zuschauer verstehen, sich daran erfreuen oder sogar damit identifizieren kann, aber vor allem auch dem Bewusstsein, dass Du Dir selbst treu bleibst in dem, was Du tust, was Du aussagen willst und was Du zeigen willst. Folge Deinem Instinkt, Deinem Bauchgefühl. Wenn es sich für Dich richtig anfühlt, dann ist es automatisch auch richtig. Dann ist esdas, was Dich ausmacht. Und finde dann eine Ausdrucksweise, die es dem Zuschauer verständlich macht.

Über meine Herangehensweise muss eines gesagt werden: Ich habe all meine Ideen zum Film und zur Performance mit niemandem aus meiner Schule geteilt. Nicht einmal jahrgangsübergreifend. Ich konnte es einfach nicht, sondern konnte mich viel besser mit dem Gedanken anfreunden, dass es mein persönlicher Schatz ist, den ich zunächst filmisch und dann auch auf der Bühne zum Ausdruck bringen darf. Viele meiner Kolleg*innen sprechen mit anderen über ihre Ideen und haben mir erzählt, dass es für sie erleichternd war und sie so weiter vorangebracht hat. Das kann auch gut sein! Aber ich persönlich konnte das irgendwie nie mit mir vereinbaren. Ich habe immer wieder mal mit dem Gedanken gespielt, es mit jemandem zu teilen, aber irgendwas in mir sagte, dass ich es für mich behalten sollte. Ich wollte meinem Instinkt und meinem Gespür treu bleiben und mich nicht von den Ideen der anderer ablenken lassen. Denn egal, wie sehr wir uns untereinander unterstützen und uns respektieren, jeder Input von außen würde meine Arbeit beeinflussen und zum wackeln bringen. Das sagte mir mein Gefühl. Vielleicht wäre es auch nicht so gewesen, aber ich wollte es einfach nicht rausfinden und ich merkte, dass ich ganz allein auf einem Weg bin, der sich gut und richtig anfühlt. Deswegen kann ich euch auch da nur sagen: Folgt Eurem Instinkt. Wenn Ihr es mit jemandem teilen wollt, dann tut es. Und wenn ihr kein gutes Gefühl dabei habt, dann behaltet es für Euch. Zur Bühnenperformance kann ich noch folgendes sagen: Ich wollte weder aufwendige Technik noch aufwendiges Bühnenbild. Alles, was den Fokus der Zuschauer auf mich ablenken, aber auch vor allem meinen eigenen Fokus auf meine Arbeit ablenken könnte, sollte fernbleiben. Licht an, Licht aus. Der Rest bin ich und der Boden auf dem ich stehe. Haltet es so einfach wie möglich, es geht um euch selbst.“

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