Corona & Schauspiel

Eine Schauspielausbildung in Zeiten von Corona

„Mir kommt immer das Bild einer ganz dunklen Gewitterwolke in den Kopf, die über mir schwebt. Ich laufe draußen auf weitem Gelände, suche nach Unterschlupf, bevor der dicke Regen und die Blitze und Donnerschläge kommen und ich dem Sturm ungeschützt ausgesetzt bin. Doch ich sehe noch keinen Unterschlupf. Ich hoffe einfach, dass es nicht losstürmt. So fühle ich mich gerade als Schauspielschüler an unserer Schule. Hoffentlich komme ich heil und trocken ans Ziel. Ohne Schulausfall, ohne Quarantäne, ohne Infektion.“
Kai Hochhäusler

Als wir Mitte März von der Kulturbehörde erfahren haben, dass wir nach den Ferien unsere Türen auf unbestimmte Zeit nicht mehr öffnen dürfen, hat es uns „die Bretter, die die Welt bedeuten“ unter den Füßen weggezogen. Unser Ausbildungs- und Kursbetrieb wurde bis auf weiteres eingestellt!

Nach kurzer Schockstarre haben wir umgehend auf Online-Unterricht umgestellt.  Wir hatten große Probleme uns vorzustellen, wie Schauspielunterricht unter einem strengen Hygienekonzept funktionieren kann. Denn im Schauspiel geht es hauptsächlich um Kontakt, Berührung, Spüren, Impulse wahrnehmen, Sprache, Gesang, Atem und Loslassen.
Was eigentlich undenkbar war, klappte von Mal zu Mal besser. Der Unterricht musste zwar ganz anders gestaltet werden, doch irgendwie ging es. Wir hatten keine Wahl!

„Man war grad dabei sich auf die Energien einzulassen die man miteinander im Raum aufbaut und dann soll das plötzlich über Kamera im eigenen Schlafzimmer passieren.“
Marvin Künne

Das komplette Semester wurde umgestellt, sowohl inhaltlich als auch zeitlich. Wir planten die Mai- und Herbstferien, sowie 3 Wochen der Sommerferien zu streichen, als Ausgleich zum Unterrichtsausfall. Doch immer mehr Dozenten meldeten sich mit unkonventionellen Unterrichtsgestaltungen. Letztendlich fand so viel statt, dass die Herbstferien nicht ausfallen mussten.

„… Und auch, wenn es manchmal echt unmöglich ist, online in die Arbeit zu kommen, oder mit Maske Kontakt zu jemandem aufzubauen, bin ich froh, dass die Schule trotzdem immer irgendwie da ist, und wir viele zuversichtliche, aber auch ehrliche Worte von den Dozenten zu hören
bekommen haben. Es ist auf keinen Fall dasselbe wie letztes Jahr, aber es geht irgendwie und das ist das Wichtigste!“
Laura Lindemann

Für das 2. Ausbildungsjahr begannen am 16. März eigentlich die Proben für die Komödien, die für den 12., 13. und 14. Juni geplant waren.
Zum ersten Mal im großen Ensemble unter „Realbedingungen“ eine Inszenierung erarbeiten. Pustekuchen! Nichts war real. Stattdessen fand die erste Leseprobe online statt.
Genauso unverhofft, wie die Schließung kam, kam auch die Nachricht, dass wir wieder öffnen dürfen. Ab Mai durften wir wieder Präsenzunterricht haben!

„Die Komödienproben waren verkürzt und von Unsicherheiten geprägt. Was darf man, was darf man nicht. Ein ständiger Begleiter und Spielverderber.“
Kai Hochhäusler

Für die Regisseure, sowie das Ensemble war es eine große Herausforderung eine Komödie ohne Körperkontakt und auf Abstand zu inszenieren. Doch es hat funktioniert!  Da wir die Komödien nicht öffentlich zeigen konnten, haben wir sie intern gezeigt und konnten dem Ensemble somit wenigstens ermöglichen Anfang Juli fünf Mal, statt zwei Mal auf der Bühne zu stehen!

Der Vorstandsvorsitzende des FV machte es innerhalb kürzester Zeit möglich, eine der Komödien an drei Abenden in der externen Location, Hall 424, auf die Bühne zu bringen. Das ermöglichte unseren Schüler*innen noch einmal vor großem Publikum ihr Können unter Beweis zu stellen. Hierfür sind wir den Förderverein sehr dankbar!

„Und auch das Stipendienfinale, was mein persönliches Highlight des Jahres ist, war überschattet davon, dass es bis auf die Jury, Schulleitung, Büro und Technik niemand sehen durfte. Es ist von Tag zu Tag unterschiedlich, diese Erlebnisse wie Komödie und Stipendienfinale zu betrachten und seine Erfahrungen, die man daraus gewonnen hat, als großes Plus zu sehen. Es gibt einfach auch Tage wo man sagt: Das war cool, klar, aber alles in Allem einfach scheiße, dass das große Publikum gefehlt hat und ständige Verordnungen einen an der Arbeit hindern. Ich beruhige mich dann immer mit dem Gedanken, dass das alles irgendwann wieder da sein wird. Irgendwann.“ 
Kai Hochhäusler

Die Proben der Abschlussinszenierung fanden ebenfalls durch die Corona-Pandemie unter erschwerten Bedingungen statt. Hier war bis kurz vor der Premiere nicht sicher, ob wir sie öffentlich zeigen dürfen oder nicht. Doch wir hatten Glück, zwar mit stark reduziertem, aber immerhin mit Publikum feierte das Stück „Concord Floral“ in der Regie von Harald Weiler am 7. August Premiere.

Es ist eine Zeit des Um- und Neudenkens – und das von Tag zu Tag. Ist gerade ein neuer Stundenplan fertig, kommen wieder neue Bestimmungen und Auflagen. Wir brauchten größere Pausenzeiten zum Lüften, die Klassen wurden in kleinere Gruppen geteilt, es wurden Laufwege beschildert,

Hygienestationen aufgebaut, wir haben einen weiteren Raum angemietet, Aufnahmeprüfungen fanden online statt und das Herzstück der SfSH, Ali‘s Café, musste lange schließen. Inzwischen haben wir zusätzlich drei Luftreiniger, „Virenporsche“ wie Jan Oberndorff sie nennt, in den Sälen.
 
„Es ist ein ewiges und nerviges Thema, aber trotzdem finden wir immer wieder Wege wie die Arbeit trotz allem funktioniert.“
Vanessa Wahl

Man hat sich an die neue Realität gewöhnt!

Hierzu gehörte zum Glück auch ein neuer Ausbildungsjahrgang 2020. Anstelle von zwei Klassen mussten wir auf Grund der Arbeitsgruppengröße drei kleinere Klassen bilden.
Dieser neue 1. Jahrgang hatte einen schwierigen Start. Gleich 3 Wochen nach Ausbildungsbeginn mussten wir die schwere Entscheidung treffen, als Vorsichtsmaßnahme die Schule für 2 Wochen zu schließen, da es vermehrt positive Covid-Fälle gab. Resultat war eine Massentestung an der SfSH mit ca.18 positiv getesteten Personen, unter anderem Jan Oberndorff, dessen Verlauf zum Glück milde war.

Nach den Herbstferien kam die weitere Auflage den Unterricht mit Maske durchzuführen. Aber „so what“, wir können arbeiten, uns begegnen und trotzdem kreativ sein – eben auf eine etwas andere Weise!

„Abschließend kann ich aber auch sagen: Ich bin momentan dankbar über jeden einzelnen Schultag und auch für so kleine, einfache Dinge, die ich vor knapp einem Jahr noch als Selbstverständlichkeit oder erst gar nicht richtig wahrgenommen habe. Zum Beispiel in einer Lüftungspause einfach kurz die Maske abnehmen zu können und frische Luft zu schnappen. Die Bedürfnisse sind sehr reduziert und das Nervenkostüm ist dünn. Schon spannend, gerade nur von der Gegenwart zu leben. Aber irgendwie muss es ja weitergehen. Und es geht. Momentan.“
Kai Hochhäusler

Wenn wir ehrlich sind, haben wir uns als neues Leitungsteam natürlich einen anderen Start gewünscht. Aber hier stehen wir nun! Im Lockdown light!
… und was uns nicht umhaut macht uns nur stärker!

Es Grüßen
Katharina Jann, Jan Oberndorff und Ulrich Meyer-Horsch

Kontakt unter info@foerdervereinschauspielschule.hamburg.